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"Sein Hauptinteresse ist der innere Frieden"
Seit über 50 Jahren kennt Dagyab Rinpoche Seine Heiligkeit, den 14. Dalai Lama persönlich. In dieser Zeit hat er ihn viele Male getroffen, und daraus ist eine enge Verbindung entstanden. Simone Hensel und Olaf Lismann fragten Rinpoche im Juni in Bonn nach seinen Begegnungen mit dem Dalai Lama, seiner Beziehung zu ihm und Rinpoches Einschätzung Seiner Heiligkeit.
Wann haben sie Seine Heiligkeit zum ersten Mal getroffen, und was war damals ihr Eindruck?
Zum ersten Mal habe ich ihn 1953 im Potala-Palast getroffen. Der Anlass war meine so genannte Ankunfts-Audienz gewesen. Wenn eine große Persönlichkeit nach Lhasa kommt, dann muss sie sich sozusagen bei ihm melden. Das nennt man Ankunfts-Audienz. Sie besteht aus zwei Begegnungen. Die eine mit einem besonders offiziellen Charakter findet morgens um neun Uhr statt im Rahmen des so genannten Drung-dscha (tibetisch: drung-ja). Droung heißt: nah, nahe stehend. Die Beamten, die dem Dalai Lama nahe stehen, treffen dabei zusammen und trinken Tee. Dscha heißt Tee, der morgendliche Tee. Niemand spricht bei dieser Begegnung etwas. Selbst wenn man etwas sagen wollte, müsste man flüstern. Man darf keinesfalls laut reden. Vor der Audienz nahmen wir vor dem Empfangssaal des Dalai Lama Platz und bekamen etwas Tee. Irgendwann führte man uns herein. Der Dalai Lama saß schon auf dem Thron. Mein Schatzmeister und ich und weitere Beamte, die zu mir gehörten, etwa 15 bis 20 Leute, traten ein und überreichten verschiedene Gaben. Dann musste ich auf meinem Thron in der mir zustehenden Höhe Platz nehmen. Es gab bei der Audienz viele Details zu beachten, darauf möchte ich jetzt nicht näher eingehen. Man erhält, auf feierliche Art serviert, auch zwei Schalen Tee und ein bisschen Reis. Wie gesagt: Es fällt dabei kein einziges Wort. Das ganze dauert schätzungsweise zehn bis fünfzehn Minuten.
Danach gibt es die so genannte Audienz in den Privatgemächern. Dabei werden wieder Gaben überreicht. Diese Gaben sind übrigens alle mehr oder weniger festgelegt. Man darf nicht einfach eine beliebige Menge oder nichts geben. Bei einem Inneren Hothogthu (nang-gi ho-thog-thu) (ein mongolischer Titel, den IV. Dagyab Kyabgöns trägt, Anm. d. Red.) ist das alles eine festgelegte Sache. Weil wir kein Protokoll-Handbuch früherer Begegnungen hatten, mussten wir bei anderen großen Labrangs (Haushalte hochstehender Lamas, Anm. d. Red.) Innerer Hothogthus nachfragen, wie viele und welche Gaben dargebracht werden. Bei der Audienz in seinen Privatgemächern wurde mir ein Platz auf einem dünneren Brokat-Sitz angewiesen, und dann stellte der Dalai Lama einige Fragen nach dem Alter und ähnlichen, landesüblichen Kleinigkeiten. Die Vorschrift dabei lautet: Wenn der Dalai Lama fragt, darf man antworten, aber man darf niemals ihn ansprechen oder Fragen an ihn richten. Nach der Zeremonie, sowohl im Empfangssaal als auch in den Privatgemächern, muss man rückwärts gehen, wenn man sich verabschiedet. Die Länge der Privataudienz bestimmt er. Nach dem Tee und dem Reis sagte er vielleicht etwas wie: „Soweit für heute“. Dann musste ich aufstehen und mich verabschieden.
So sah meine erste Begegnung mit dem Dalai Lama aus. Ich kann gar nichts über meinen Eindruck dabei sagen. Das Protokoll schuf eine Atmosphäre, als begegne man plötzlich einer unvorstellbar bedeutenden, beinahe übermenschlichen Persönlichkeit. Da kann man nicht sagen, es war nett oder nicht nett.
Durften Sie ihm in die Augen schauen?
Nein. Aber zwischendurch blickte ich ihn mal kurz eine Sekunde lang an. Aber eigentlich darf man das nicht.
Haben Sie ihn dann vor der Flucht nach Indien noch mehrmals getroffen?
Ja.
Auch zu Gesprächen oder einem Austausch, wie wir das im Westen verstehen würden?
Nein, nein. Ich habe solche feierlichen Begegnungen ein paar Mal gehabt. Und dann sind wir vor allem von 1956 bis 1959 fast immer samstags zu den Veranstaltungen der Chinesen zusammengetroffen. Wir hatten wöchentliche Sitzungen, die der Dalai Lama leitet. Und wenn der Panchen Rinpoche in Lhasa war, nahm auch er daran Teil. Außerdem die Mitarbeiter der vierzehn verschiedenen Abteilungen, die die Chinesen als Verwaltungsorgane eingeführt hatten. Das Treffen wurde jeden Samstag um 10 bis 12 Uhr von den Chinesen organisiert. Dabei wurden verschiedene Berichte vorgetragen und eine Diskussion geführt - das alles mehr oder weniger formell.
Worum ging es in Ihrem ersten Gespräch mit dem Dalai Lama, das wir als Unterhaltung im westlichen Sinne verstehen würden?
Eine Kommunikation, wie wir sie im Westen normalerweise führen, hat erst in Indien stattgefunden. Etwas persönlichere Gespräche hatten wir 1959 Ende März oder Anfang April an der Grenze zu Indien, noch in Tibet auf der Flucht. Dort bin ich ihm begegnet. Der Ort hieß Tshö-na (mtsho-sna). Dort habe ich ihn um 7 oder 8 Uhr abends getroffen. Es war schon ziemlich dunkel. Diese Begegnung hatte zum ersten Mal einen etwas persönlicheren Charakter. Wir sind dort auf unseren zuvor unterschiedlichen Fluchtwegen zusammengetroffen. Er hat sich bei der Begrüßung sehr gefreut, dass mir die Flucht gelungen war. Ich solle mich doch seiner Gruppe anschließen, sagte er. Und er fügte hinzu, ganz Dagyab und die Kyabgöns von Dagyab stünden sehr loyal zur tibetischen Regierung, und deshalb freue er sich besonders, dass ich auch diesmal mit ihm gemeinsam gehen würde.
Dann später in Indien durfte ich ihn dann immer häufiger begegnen und dadurch ist eine persönliche Beziehung entstanden.
Ich habe einmal gelesen, dass es bei der Flucht Seiner Heiligkeit, eine andere Fluchtgruppe gegeben hätte, um die Chinesen dadurch zu verwirren. Stimmt es das Sie diese andere Gruppe anführten?
Richtig.
Das sollte die Chinesen ablenken?
Eigentlich nicht. Es war vielmehr so, dass man nach tibetischer Tradition einen so genannten Pfeilboten (mda´-yig) gesandt hatte. Der trägt einen Brief, in dem steht zum Beispiel, der Dalai Lama reist dann und dann über diesen und jenen Ort nach so und so. Deshalb müssen in allen diesen Orten Vorbereitungen getroffen werden. Dieser Brief wird an einen Pfeil gebunden, und dann muss jemand schnell laufen und den Brief in den jeweiligen Orten vorzeigen oder vortragen, damit die Vorbereitungen entsprechend getroffen werden. Das wird Pfeilbrief genannt.
Im nach hinein finde ich, man hat zu dieser Flucht damals eine sehr unglückliche Verfahrensweise gewählt, weil der Fluchtweg des Dalai Lama ja geheim gehalten werden sollte. Stattdessen wurde ein solcher Pfeilbrief geschickt. Aber die eigentliche Fluchtroute des Dalai Lama verlief dann doch ganz anders. Als ich selber auf der Flucht war, traf ich zwei damalige tibetische Generäle. Sie haben mich gebeten und mir empfohlen, mit ihnen zu kommen. Dann haben sie gesagt, da der Pfeilbrief über diese Route gegangen sei, würden dort sowieso Vorbereitungen getroffen, und für uns wäre es deshalb einfacher, diese Strecke zu nehmen. Deshalb haben wir diese Route gewählt und der Platz, der für den Dalai Lama vorgesehen war, stand für mich zur Verfügung. Und die Plätze für das Kabinett wurden von den Generälen und unseren Mitarbeitern in Anspruch genommen.
Wie würden Sie den Dalai Lama charakterisieren?
Er ist unwahrscheinlich scharfsinnig und sehr, sehr skeptisch. Wenn jemand etwas vorträgt, dann weiß er schon, in welche Richtung es geht, bevor der Betreffende ausgeredet hat. Und er denkt sehr, sehr scharf und legt seine Worte auf die Goldwaage. Besonders seine Entscheidungen wägt er sehr genau ab: Wenn wir so entscheiden, wen könnten wir dadurch verletzten oder in Schwierigkeiten bringen, denkt er. Oder wie sieht es aus, wenn wir anders entscheiden. Das wendet er immer wieder hin und her und hin und her. Es ist manchmal etwas schwierig, dabei mit ihm zu diskutieren. Aber wenn man gute Argumente hat, dann ist leicht mit ihm zu reden, weil man nicht sehr ausführlich werden muss. Früher war er eine besonders temperamentvolle Person, aber inzwischen ist er immer sanfter und gelassener geworden – wie er selber in seine buddhistische Unterweisung für ihn so charakterisiert.
Was halten Sie für die größte Leistung des Dalai Lama?
Er schafft so viele Dinge in den 24 Stunden eines Tages. Wenn ich betrachte, wie er sich um seine Meditation bemüht, dann kann man sagen, er praktiziert die ganze Zeit. Wenn ich sehe, wie viele Texte er ließt, dann erhalte ich den Eindruck, er verbringt die meiste Zeit mit Textstudium. Aber wenn ich wiederum betrachte, wie viel Zeitung er liest oder wie viele Akten er studiert, dann meine ich, er beschäftigt sich die meiste Zeit mit solchen Dingen. Trotz dieses Arbeitspensums kann er die Sonne genießen, Radio hören und so viele Leute aus verschiedenen Bereichen treffen, aus privatem Interesse, spirituellem Interesse, politischem oder allgemeinem Interesse. Ich habe dabei nie die Erfahrung gemacht, dass er unter Zeitdruck steht. Er wirkt immer gelassen.
Wo wird der Dalai Lama am meisten unterschätzt? Oder anders gefragt: Welche seiner Stärken sind hier im Westen am wenigsten bekannt?
Im Laufe der vergangenen Jahre ist aufgrund seiner häufigen Besuche und Seminare hier im Westen in der Regel schon bekannt geworden, wie tiefreichend sein Wissen ist. Ich glaube, es gibt relativ wenige seiner Qualitäten, die nicht schon bekannt wären. Trotzdem würde ich sagen, wer über ein umfangreicheres buddhistisches Wissen verfügt, wird viel besser zu schätzen wissen, welch weitreichende, tiefgründige und kluge Erklärungen er selbst zu schwierigen Themen geben kann. Das ist wahrhaft außerordentlich. Dann wird die Bewunderung für seine Qualitäten endlos.
Was war Ihr witzigstes Erlebnis mit Seiner Heiligkeit?
Anfang der 60er Jahre hatte ich kein Gehalt, weder von der indischen noch von der tibetischen Regierung. Daher steckte ich als frischer Flüchtling auch in finanziellen Problemen. Er wusste das ganz genau und gab mir eigenhändig Geld. Das waren mal 200, mal 300 Rupien im Abstand von vielleicht einem Monat. Aber dieses Geld befand sich immer zwischen seinen Texten. Das lief nach folgendem Schema: Wenn ich nach einem Besuch bei ihm wieder gehen sollte, sagt er noch: „Einen Moment.“ Dann stand er auf, ging zu einem Text, und zwischen den Seiten nahm er ein paar Scheine heraus, die er schon vorbereitet hatte und gab mir das Geld. Ohne besonderen Kommentar. Ich finde das merkwürdig, weil alles Geld, das er bekam, von seinem Privatbüro verwaltet oder aufbewahrt wird. Er selbst kann eigentlich kein Geld haben. Wie er das von seinem Privatsekretär wieder zurückgeholt hat und als was, von der Buchführung her gesehen, ist mir rätselhaft.
Später habe ich dann ein tibetisches Wörterbuch verfasst und wollte das auch veröffentlichen, weil ich dadurch ein bisschen Geld bekommen würde. Doch ich hatte kein Kapital, um das Buch zu drucken. Dann habe ich einfach den Dalai Lama um etwas Geld gebeten und von ihm ein Darlehen genommen. Erst hat er gefragt: „Wie viel?“ Ich glaube, es waren etwa 10.000 Rupien gewesen. Dann hat er gesagt: „Komm nächste Woche wieder.“ Und in der Woche darauf, habe ich das Geld von ihm persönlich erhalten. Nach einiger Zeit habe ich meine Schulden dann auch wieder persönlich zurückgezahlt.
Was beeindruckt sie am meisten an ihm?
Sein großes Wissen in den Naturwissenschaften. Zum Beispiel in der Sternkunde, über die Planeten, Entfernungen in Lichtjahren. Er verfügt über beachtliche Informationen. Schon damals in den 60ern hatte er mehrere Bildbände über die Sterne und ähnliches. Er hat mir auch etwas über die Entfernung der Erde zu Mars oder Jupiter oder zur Sonne beigebracht. Außerdem was Lichtjahre sind. An solchen Dingen ist er sehr, sehr interessiert. Und er kann sie auch gut erklären.
Sie sprachen gerade vom Interesse des Dalai Lama an den Naturwissenschaften und zuvor auch von seiner Skepsis. Andererseits befragt er auch Orakel. Wie bringt er das unter einen Hut? Das scheint für manchen im Westen ein Widerspruch zu sein.
Für ihn ist es kein Widerspruch. Er betont sehr die Analyse kraft eigener Intelligenz. Er sagt sogar, man soll nicht so sehr auf die Orakelbefragung und auf Mo vertrauen. Besser ist es, man stützt sich bei seinen Entscheidungen auf das eigene Wissen und die eigene Analyse. Damit ist man auf der sicheren Seite. Wenn er selbst wichtige Entscheidung zu treffen hat, dann macht er allerdings neben dieser Analyse als Vergleich auch ein Mo. Ich sehe nicht, dass er seine Entscheidungen abergläubisch nur auf Mo und Orakel gründet. Beides ist für ihn eher Unterstützung und Ergänzung. Mo kann übrigens nur funktionieren, wenn jemand in besonderer Weise darauf vertraut. Nicht abergläubisch, sondern mit Hingabe und dem Wissen um das abhängige Entstehen. Weil er weiß, dass alles abhängig entsteht, hat er das rechte Vertrauen in die Wahrhaftigkeit. Diese Wahrhaftigkeit kann durch solche banalen Handlungen wie Mo zum Ausdruck kommen. Für ihn führt die Erfahrung des Mo deshalb auch zu einer zutreffenden Aussage. Ob aber auf der anderen Seite sein Mo für andere ebenfalls zutreffend ist, das ist eine andere Frage. Das hängt von dem anderen Menschen ab. Für eine Person XY, die kein besonderes Vertrauen in das Tun, das Mo des Dalai Lama besitzt, muss es auch nicht zutreffend sein.
Wir würden Sie Ihr Verhältnis zu Seiner Heiligkeit beschreiben?
Erstens, durch meine Erkenntnisse seiner Qualität. Zweitens, durch den langjährigen Kontakt. Drittens, besonders durch die 60er Jahre, während derer ich eine sehr intensive persönliche Begegnung mit ihm haben dürfte. Dadurch ergibt sich natürliche eine besondere spirituelle, aber auch eine besondere menschliche Verbindung. Aber auf Tibetisch darf man sich eine solche Verbindung mit ihm nicht als freundschaftliche Beziehung bezeichnen. Trotzdem sind wir sehr eng zusammengekommen. Ich hatte ihn Jahre lang mindestens einmal in der Woche, manchmal auch zwei- oder dreimal die Woche einfach ohne formellen Termin gesehen, auf seinen Wunsch hin. Man kann nicht auf eigenen Wunsch ihn öfter zu treffen. Er wird sagen, wann ich kommen soll. Die Treffen damals dauerten zehn Minuten bis zu vier, einmal glaube ich sogar fünf Stunden lang und lagen immer nachmittags. Manchmal gab er mir dabei sozusagen eine Art von Unterricht, also Erklärungen über buddhistische Themen. Manchmal stellte er Fragen. Manchmal erzählte er mir, was in der Welt los war. Manchmal fragte er, wer was macht da unten (die Residenz Seiner Heiligkeit liegt oberhalb der Häuser von McLeod Ganj bei Dharamsala, Anm. d. Red.).
Worüber sprechen Sie heute mit dem Dalai Lama, wenn sie ihn treffen?
Wenn ich ihn treffe, meistens über meine Praxis. Dann natürlich auch über Unklarheiten. Meistens geht es darum. Ich mache immer einen Zettel, und dann gehe ich mit diesem Zettel zu ihm. Er kennt das schon. Sobald ich zu ihm reingekommen bin, Niederwerfungen gemacht und seinen Segen empfangen habe, bietet er mir einen Platz an und fragt: „Was hast Du heute.“ Und wenn ich keinen Zettel dabei habe, fragt er auch schon mal: „Hast Du keinen Zettel?“
Welche besonderen Stärken besitzt Seine Heiligkeit als buddhistischer Lehrer?
Komplizierte Inhalte umgangssprachlich und in wenigen Worten leicht verständlich zu erklären, das ist seine Besonderheit. Er benutzt keine großartigen Fachbegriffe. Solche Erklärungen können keine anderen großen tibetischen Meister liefern.
Inwiefern ist der Dalai Lama ein moderner Yogi?
Im Gegensatz zu den traditionellen Yogis, die ein besonders bescheidenes und ein sehr zurückgezogenes Leben führen, kann er sich durch seine Funktion so etwas nicht leisten. Er muss viele Aktivitäten auf sich nehmen, und das macht er alles zusammen mit seiner Praxis. Seine Bescheidenheit als Yogi, als guter buddhistischer Praktizierender kann man daran ermessen, wie er sich um seine persönlichen Bedürfnisse kümmert. Er ist allen Luxussachen sehr abgeneigt. Aber das schließt nicht aus, dass er auch einmal in einem Fünf-Sterne-Hotel wohnt. Das ist wieder eine andere Sache. Ich glaube, man muss unterscheiden zwischen ihm als Dalai Lama und als buddhistischer Praktizierender. Aus Sicht einer praktizierenden Person ist er höchst bescheiden, in seiner Funktion als Dalai Lama dagegen muss er schon einiges erlauben. Aber das auch nur in Maßen.
Was glauben Sie, ist sein wichtigster Ratschlag an Buddhisten im Westen?
Ein wichtiger Rat, den er immer wieder betont, ist es, ein guter Mensch zu sein. Das ist der Einstieg zu allem. Der Einstieg zu Bodhicitta, der Einstieg in die natürliche, völlige Befreiung. Warmherzig zu sein, ein guter Mensch zu sein, gut miteinander umzugehen, das betont er sehr, sehr stark.
Was sagt Seine Heiligkeit eigentlich zu Chödzong und zu Tibet-Haus in Frankfurt?
Er ist informiert über unser Vorhaben, und er hat mit großem Interesse unterstützende Worte geäußert. Eigentlich hätte er gerne gewünscht, dass wir Tibet-Haus in Berlin eröffnen, statt in Frankfurt. Sein Hauptwunsch war gewesen, von Berlin aus die Aktivitäten von Tibet-Haus in Richtung mehrerer osteuropäischer Länder zu erweitern. Dann hat er aus eigenem Anstoß immer wieder Mo gemacht. Danach sagte er, er habe sich zwar vorgestellt Tibet-Haus in Berlin zu machen, aber das Mo sei dafür nicht besonders gut ausgefallen. Am allerbesten sei es für Frankfurt gewesen. Jetzt sei er sich mit Berlin gar nicht mehr sicher, hat er gesagt. Das war für mich eigentlich eine glückliche Entwicklung. Wenn er gesagt hätte, Frankfurt sei nicht gut, wir sollten nach Berlin gehen, das wäre ein bisschen kompliziert geworden.
Seine Heiligkeit hat nach seiner Flucht ins Exil geäußert: Ich werde von nun an nie wieder Brokat an meinen Körper lassen.
Ich bin nicht sicher, ob er das so formuliert hat. Aber er tut es. Er hat Prunk auch schon kritisiert.
Wie steht er dazu, dass beispielsweise in Südindien sehr prunkvolle buddhistische Anlagen gebaut werden?
Er sieht das sehr kritisch. In seinem Interesse wäre es, wenn man solche Gebäude zwar im traditionellen Stil bauen, sie aber so bescheiden wie möglich gestalten würde. Das Problem hier lag zwar natürlich auch bei der Mönchsgemeinde und der Klosterverwaltung, aber hauptsächlich bei den Gönnern. Da gab es sehr viele japanische und chinesische Gönner, und sie sind sehr an solchen Dingen orientiert. Ein Beispiel: Ein bestimmtes Kloster, ich glaube, es war Dschang-Tse (Byang-rtse)-Dratsang im Kloster Ganden, wurde im Auftrag von Japanern gebaut. Später sind die Japaner gekommen und haben sich das Ergebnis angeschaut und dann gesagt, das sei nicht gut genug. Alles was errichtet war, haben sie wieder abreißen lassen und erneut, diesmal teurer und besser, wieder aufbauen lassen. Daher hatte das Kloster schon ein gewisses Problem mit den Gönnern.
Wie das persönliche Interesse des Dalai Lama liegt, kann man an seinem privaten Tempel in Dharamsala erkennen: Er ist funktional aber höchst bescheiden gebaut.
Welche Entwicklungen in der Exilgemeinschaft sieht er besonders kritisch?
Für besonders besorgniserregend hält er die Entwicklung des Tibetisch-Unterrichts in den Schulen unter exiltibetischer Verwaltung, die von der indischen Regierung unterstützt werden. Dort wird am meisten Tibetisch-Unterricht erteilt, die Hauptsprache ist Tibetisch und die Schulbücher sind ebenfalls in Tibetisch verfasst. Aber das Studienniveau hat sich von Jahr zu Jahr verschlechtert. Das ist seine besondere Besorgnis. Außerdem nehmen jüngere Leute Rauschgift und machen illegale Geschäfte. Darum sorgt er sich ebenfalls besonders.
Unterstützt es Seine Heiligkeit, dass seine Reinkarnation gesucht wird?
Ich glaube, er wird es dann entscheiden, wenn die Zeit reif ist. Er hat sich dazu unterschiedlich geäußert. Häufiger traf er die Aussage, es hänge von der Notwendigkeit für die tibetische Gesellschaft ab, ob es die Institution Dalai Lama weiter geben wird oder nicht.
Woher nimmt der Dalai Lama diese enorme Präsenz oder Kraft, die man zu spüren meint, wenn man ihn trifft? Ist das Veranlagung, Ausdruck seiner Geisteskontrolle?
Das kommt durch Bodhicitta. Und er denkt – entsprechend der Lo-Jong-Praxis – wenn er aufmerksam gegenüber einem anderen ist, dann wird auch der andere aufmerksam ihm gegenüber sein. Das ist einfach mehr oder weniger eine Sache von Ursache und Wirkung. Das sehe ich als konkrete Ursache dafür.
Was ist das Hauptanliegen Seiner Heiligkeit?
Sein langjähriges Hauptinteresse ist der innere Frieden. Deshalb wünscht er sich sowohl für seine Schülerschaft, für die Politiker in aller Welt, als auch für alle anderen Menschen, dass wir bei allem, was wir tun, in harmonischer Weise miteinander umgehen. Und dementsprechend gestaltet er seine Politik zu Tibet. Sein Hauptwunsch dabei ist, dass wir Tibeter mit unseren chinesischen Brüdern sehr harmonisch zusammentreffen und einen echten Dialog von Herzen führen, eine offene Diskussion. Ich bin fest davon überzeugt, dass er dabei keine Hintergedanken hat, wie das bei den meisten Politikern der Fall ist. Zu ihrem eigenen Vorteil sprechen sie heute so und morgen so und machen unzuverlässige, opportunistische Aussagen. Der Dalai Lama verzichtet auf solche Dinge und wünscht von ganzem Herzen Frieden zwischen China und Tibet.
Ich hatte nicht die Möglichkeit, ein wilder Jugendlicher zu sein. Von Natur aus, glaube ich, war ich ein bißchen feige, und ich konnte deshalb nichts anstellen. Es sei denn ein guter Spielkamerad, der hin und wieder gekommen ist, gab mir die Gelegenheit dazu. Einer meiner Vettern, zum Beispiel, ist acht Jahre älter als ich, und er konnte sich viel freier bewegen, als ich es durfte. Deshalb hat er für uns Pfeil und Bogen besorgt, und damit haben wir dann im Park geschossen. Das hat natürlich mein Lehrer erfahren, und deshalb habe ich an jenem Abend dreihundert Peitschenhiebe als Strafe bekommen.
Ein anderes Mal waren wir im Sommer auf einem Berg in einem großen Zeltlager. Da war wieder ein Junge da, so fünf bis acht Jahre älter als ich. Er schlug dann vor, Maulwürfe zu fangen. Dazu holte er Asche, und mit einem Blasebalg blies er sie in ein Maulwurfsloch. Dadurch konnte man anhand der wieder auftauchenden Asche sehen, wo weitere Löcher waren, die zum gleichen Bau gehörten. Die wurden dann mit Steinen verschlossen, nur ein Loch blieb offen, vor das man einen umgedrehten Stiefel hielt. Dann blies er wieder Asche ein, und die Maulwürfe kamen aus dem Loch in den Stiefel hinein. Auf diese Weise haben wir dann Maulwürfe gefangen. Dann hat er mit einer Nadel eine Schnur durch den Schwanz eines Maulwurfs durchgezogen und das Tier so einige Minuten festgehalten. Solche Sachen hat er gemacht, und ich habe dabei zugeschaut. . Ich erinnere mich aber nicht mehr daran, ob ich für die Sache mit den Maulwürfen Peitschenhiebe bekommen habe oder auf andere Weise bestraft worden bin.
Ansonsten gab es keine großen aufregenden Streiche.
Aber dreihundert Peitschenhiebe ...
Dreihundert. Das war die härteste Strafe meines Lebens.
Was habe Sie in Ihrer Jugend in Ihrer Freizeit gemacht, so es denn Freizeit gab?
Je nachdem. Im Alltag habe ich mit meinem kleinen Hund gespielt. Mit ihm bin ich ein bißchen im Zimmer umhergelaufen. Zu mehr hatte ich ja gar keine Zeit. Ich hatte keine Spielkameraden. Einmal im Jahr gab es aber ein Sommerfest und dann ein Neujahrsfest, die beide etwa je eine Woche dauerten. Im Sommer war das Kloster Magön der Hauptsitz, und da ist es ziemlich heiß, zeitweise bis zu 35 Grad. Deshalb fuhr man gerne weg zu einer weiteren Sommerresidenz, die etwa eine Tagesreise entfernt lag. Dabei gab es dann schon etwas Freizeit. Ich erinnere mich, dass ich sehr häufig die Gelegenheit hatte, aus Teig Figuren zu kneten. Dann gab es auch etwas ähnliches wie ein Go-Spiel. Dabei war ich aber fast immer mit Erwachsenen zusammen.
Was haben Sie in Ihrer Jugend besonders genossen?
Besonders genossen? Gar nichts. Vielleicht die neue Kleidung, die ich ab und zu bekommen habe. Daran hatte ich große Freude. Und dann die eben erwähnten Reisen. Dabei gab es kürzere glückliche Momente. Aber damit sage ich nicht, dass ich während meiner Jugendzeit immer unglücklich gewesen bin. Das ganz und gar nicht. Aber es gab auch keine herausragenden, außerordentlich glückliche Momente. Es war eben ganz normal.
Was hat Ihnen damals am meisten Schwierigkeiten bereitet?
Ich musste sehr häufig die Kleidung Erwachsener anziehen, auch Schuhe und Hüte. Damit war sehr schwer zu laufen. Ganz unpraktisch. Zum Beispiel die gelbe Mütze: Ich hatte natürlich einen kleineren Kopf als ein Erwachsener. Deshalb musste die Mütze hinten zusammengenäht werden, damit sie hält. Bei Schuhen konnte man da nichts machen. Das kann ich auch im Nachhinein immer noch nicht verstehen. Der Dagyab-Labrang (Haushalt mit Verwaltung) war ja finanziell sehr gut gestellt. Ich stand damals an der Spitze. Warum aber hat man dann eine solche Sparmaßnahme ergriffen? Warum waren sie nicht in der Lage, passende Schuhe für mich herstellen zu lassen? Warum kein passendes Mönchsgewand? Warum musste ich die Kleidung meines Vorgängers anziehen? Das kann ich noch immer nicht verstehen. Das habe ich sehr lange mitmachen müssen. Als Kind hatte ich natürlich gar keine Machtbefugnis, etwas anzuordnen. Selbst wenn ich es getan hätte, hätte es keiner für richtig gehalten.
Haben Sie nicht darunter gelitten, dass Sie schon sehr früh von Ihrer Mutter getrennt waren?
Daran erinnere ich mich gar nicht. Meine Mutter war in Ihrer Residenz, seit ich nach Dagyab kam. Die lag im Tal unterhalb des Kloster. Sie konnte jederzeit zu mir kommen, aber sie kam nicht jeden Tag. Mein Vater erschien sehr häufig und hat lange Zeit nachts bei mir geschlafen. Daran erinnere ich mich noch. Aber irgendwie hatte ich keine Sehnsucht danach.
Wann hatten Sie Ihre ersten Retreats, und wie haben Sie sie erlebt?
Mit etwa acht Jahren könnte ich in meinem ersten Retreat gewesen sein. Das war ein Avalokitesvara-Retreat, ob es der tausendarmige oder der vierarmige war, weiß ich nicht mehr. Ich glaube, es dauerte eine Woche oder vierzehn Tage. Daran habe ich aber keine genaue Erinnerung mehr. Ich erinnere mich dunkel, dass ich den ganzen Tag von morgens sehr früh bis spät Abends sitzen und rezitieren musste. Damals musste man das einfach machen und man machte das, ohne Zuneigung ohne Abneigung, einfach als Ritual. Während der neun Jahre, die ich in Dagyab lebte, war ich einige Male in Retreat. Später in Lhasa, ab dem 14. Lebensjahr, habe ich jährlich mindestens zwei Mal Retreat gemacht, entsprechend der Anweisung meiner Lehrer. Mit der Zeit habe ich dann mehr und mehr den Geschmack gewonnen. Ich glaube, das lag auch daran, dass ich Retreats mehrmals wiederholt habe, sich das Verständnis der Schriften etwas vertieft hat und ich auch Erklärungen dazu bekommen habe. In Dagyab, als ich klein war, habe ich nie eine Erklärung über diese Dinge erhalten. Es wurde einfach nur gemacht, aber natürlich zusammen mit dem Lehrer.
Wer war Ihr großes Vorbild als Jugendlicher?
Niemand. Da hatte ich niemand.
Niemand, den Sie bewundert haben, zu dem Sie aufgeschaut haben, dem Sie nacheifern wollten?
Nein. Bis zum 14. Lebensjahr, solange ich in Dagyab war, hatte ich niemand, zu dem ich aufgeschaut habe. Später hat sich das geändert. Beide Lehrer des Dalai Lama, Kyabje Ling Rinpoche und Kyabje Dorje Chang habe ich sehr, sehr bewundert, sowie Bari Dorje Chang und auch den Sekretär des großen Pabongkha, Gen Rinpoche Losang Dorje, von dem ich sehr viele Belehrungen und Einweihungen bekommen habe. Ich bewunderte ihn wirklich sehr. An Bari Dorje Chang hat mich besonders die Art und Weise beeindruckt, wie er Einweihungen gab und die Persönlichkeit, die er hatte. Das war sagenhaft.
Bari Dorje Chang hatte fünf Hunde. Wenn ich ihn besuchte, kam er natürlich aus Höflichkeit aus seinem Zimmer heraus, um mich zu empfangen. Und alle Hunde kamen mit. Sie hatten alle kleine Glöckchen um den Hals, die dann klingelten. Als Kind fand ich das sehr faszinierend. Während einer Einweihung in seinem Zimmer saß er auf dem Bett. Das kleine Zimmer war voll mit Leuten. Drei Hunde saßen in einer Ecke, zwei in einer anderen. Wenn einer der Hunde seinen Platz verlassen wollte, machte er erst Männchen und schaute zu Rinpoche. Der bemerkte das natürlich und baute dann in die laufende Rezitation seine Erlaubnis ein, indem er etwa sagte: Nun möchte er gerne weggehen. Der Hund ging dann nach draußen. Nach einiger Zeit kam er wieder zurück und machte Männchen im Türeingang, und Rinpoche sagt wieder in die Rezitation eingebaut: Ah, jetzt will er wieder reinkommen.
Und über den Sekretär von Pabongkha Rinpoche könnte ich tagelang erzählen. Kurz gesagt: Er war außerordentlich bescheiden. Von seiner sozialen Stellung her war er ein schlichter Mensch. Er wohnte in ganz einfachen Verhältnissen. Damals arbeitete er an einer Zusammenstellung der Werke des großen Pabongkha. An seinem Arbeitsplatz war er auf drei Seiten von Büchern umgeben. Nur eine Seite war frei, damit er weggehen konnte. Er musste sehr viele Notizen von Pabongkha Rinpoche zusammenstellen und war ein großer Schreiber. Von morgens bis abends hatte er nur damit zu tun. Er hatte monatelang bei mir gewohnt, damit er mir Belehrungen geben konnte und war sehr, sehr zurückhaltend. Wenn es aber um Dharma-Inhalte ging, ging er auf jede Frage ein und gab ausführlich Antwort. Er war eine tolle Persönlichkeit und auch sehr bescheiden. Einmal kam er überraschend zu uns, und wir hatten kein Essen mehr, dass wir ihm hätten anbieten können, weil wir schon gegessen hatten. Er gab sich mit trockenem Tsampa und Tee zufrieden.
Was Sie bisher über Ihre Kindheit erzählt haben - die körperlichen Strafen, keine Spielkameraden, Schwierigkeiten mit der Kleidung, die ganzen Zwänge in denen Sie steckten - das erscheint doch etwas trostlos.
Aus westlicher Sicht betrachtet, mag das durchaus so erscheinen. Aber für mich war es ganz normal, weil ich nichts anderes kannte. ( Menschen, die zum Beispiel unter dem Kommunismus aufgewachsen sind, kennen nur den Kommunismus. Die kennen kein anderes Land und auch nicht die Vorteile der Freiheit. Und deshalb vermissen sie die Freiheit nicht. )
Ihnen kam nie der Gedanke zur Rebellion?
Nein. Bei mir insbesondere gab es nichts zu rebellieren, und wenn ich es getan hätte, wäre ich nirgendwo weitergekommen. Aus jetziger Sicht war ich aus allen zehn Himmelsrichtungen eingebunden in einen festen Rahmen: Wohin hätte ich gehen können? Nirgendwohin. Aber ich habe überhaupt nicht darunter gelitten.
Wie werden denn die Tulkus heute im Vergleich zu damals erzogen? Gibt es denn Unterschiede zu damals?
Große Unterschiede. Unsere damalige Erziehung war sehr nüchtern, bescheiden, strikt und traditionell. Heutzutage wird ein sehr umfangreiches Rahmenprogramm zur Ablenkung angeboten. Aus traditioneller Sicht betrachtet, läuft es nicht besonders gut. Wenn heute ein Lama wirklich gut wird, dann muss man von großem Glück reden. Früher leisteten alleine die äußerlichen Bedingungen einen großen Beitrag dazu, dass Lamas wirklich gut wurden. Wenn er damals kein guter Lama geworden ist, dann muss diese Person wirklich wild oder schlimm gewesen sein.
Was war Ihnen denn bei der Erziehung Ihrer Kinder wichtig?
Aus der asiatischen Mentalität heraus, geben wir den Kindern gerne alles, was wir als Eltern geben können. Am allerwichtigsten ist uns dabei ihre Ausbildung. Es ist nicht unsere Philosophie zu sagen, sie müssen mit den hiesigen Sitten selber zurechtkommen, weil sie in Deutschland geboren sind. Ich persönlich bin aber überhaupt nicht der Meinung, den Kindern irgendwie vorzuschreiben, sie sollten dieses oder jenes studieren oder Arzt oder Anwalt werden. Sie sollen das studieren, was ihnen wirklich Spaß macht. Natürlich muss man dabei auch ein bißchen mitdenken, was in Zukunft brauchbar ist. Soweit wir hier lenken können, machen wir das.
Was die Konfession betrifft, haben wir, soweit es geht, unseren Kindern Informationen über den Buddhismus gegeben, aber ich hatte keinerlei Absicht gehabt, sie zu Buddhisten zu machen. Es erschien mir sinnvoll, dass sie auch andere Glaubensrichtungen kennenlernen. Deshalb haben unsere Kinder auch am katholischen beziehungsweise evangelischen Religionsunterricht teilgenommen. Danach können sie sich dann frei für eine Religion entscheiden. Ich werde damit dann vielleicht nicht glücklich sein, aber ich werde es akzeptieren.
Wenn Sie die heutige Situation der Jugendlichen in Deutschland betrachten, wie beurteilen Sie deren Voraussetzungen oder Möglichkeiten, einen Zugang zur Religion oder zur Spiritualität zu finden?
Es gibt Ausnahmefälle, in denen Jugendliche Interesse für Religion entwickeln. Ansonsten kann ich etwas verallgemeinernd sagen, dass Jugendliche hier keine Möglichkeit haben, ein Interesse für Spiritualität zu entwickeln. Sie fühlen sich vor allem von Musik, Schauspiel, Filmen und Popstars angezogen. Solche Dinge stehen im Vordergrund. Natürlich wird hin und wieder einmal über ernsthaftere Dinge diskutiert, aber das kann ich nicht als Interesse bezeichnen. Die jungen Menschen heute sind zu abgelenkt.
Ist das auch ein Grund dafür, warum wenig Jugendliche zu buddhistischen Belehrungen kommen?
Ja.
War das in Tibet genauso?
Nein, früher nicht. Das hat sehr stark etwas mit der Umwelt zu tun. Ich habe den Eindruck, dass hierzulande die Jugendlichen eine Art Philosophie haben, das Gegenteil von dem zu tun, was die Eltern oder die Erwachsenen machen. Es anders zu machen, ist irgendwie cool. In Tibet war alles Vorbild, was die Älteren, insbesondere die Eltern machen. Erwachsene nachzuahmen und genau zuzuhören, was die Eltern sagen, das war außerordentlich wichtig und war Lebensinhalt. Einer der sechzehn Punkt e des damaligen tibetischen Grundgesetzes forderte, man solle Respekt gegenüber älteren Menschen entwickeln.
Gibt es in der tibetisch-buddhistischen Tradition Belehrungen, die sich speziell an junge Menschen richten?
Leider nein.
Gibt es denn Bestrebungen unter Lehrern der tibetisch-buddhistischen Tradition so etwas zu entwickeln?
Ja. Manche Lehrer haben solche Überlegungen angestellt. Da gibt es ein Bedürfnis, so etwas zu machen. So weit ich aber sehen kann, sind sie nicht sehr viel weiter gekommen.
Was an der Lehre Buddhas spricht Ihrer Erfahrung nach junge Menschen besonders an?
Die jungen Leute haben zu wenig Informationen über spirituelle Themen. Das hat auch mit dem Umfeld zu tun, denke ich. Denn ihr Umgang ist völlig an materieller Entwicklung orientiert. Deshalb ist die Gewichtung nicht so recht ausbalanciert, und die jungen Menschen bekommen zu wenig über das spirituelle Leben, die spirituelle Erfahrung mit. In den Schulen im Westen wird zu wenig über Moral geredet. Schon im Kindergarten fängt man an „mein“ und „dein“ zu lernen. Es gilt, sorgfältig auf den eigenen Schulranzen aufzupassen, das eigene Spielzeug zusammenzuhalten und es zu verteidigen. Mein, dein, sein wird den Kindern sehr krass beigebracht. Damit angefangen werden nur die materiellen Gedanken in den Vordergrund gestellt. Auf die spirituelle Qualität wird überhaupt keinen Wert gelegt. Das ist das eigentliche Grundproblem.
Es ist natürlich etwas schwer zu beantworten, welches Thema der Lehre Buddhas für die Jugend besonders passend wäre. Aber meines Erachtens, ob jung oder alt, sind die Vier Edlen Wahrheiten geeignet, wenn sie einfach und nüchtern erläutert werden, und nicht so sehr philosophisch. Erklärungen über Leiden und seine Ursachen, die Möglichkeit, sich davon zu befreien, über die Systeme, die Logik die zur Beendigung des Leides führen, das wäre sehr, sehr sinnvoll, weil die Jugend sowieso mit rationalen Gedanken vertraut ist. Deshalb wäre es besser, Themen zu erklären, die mit Ursache und Wirkung zu tun haben, als etwa über die Qualitäten der Buddhas zu sprechen oder gar zu rezitieren.
Gilt das auch für die buddhistische Praxis junger Leute im Westen?
Grundsätzlich ja. Aber hier kommt es auch auf die Situation in der Familie oder im Umfeld an. Ich habe mit unseren Kindern von früh an mit Rezitationen begonnen, wie ein Ritual. Die Kinder sprechen zum Beispiel immer ein Tischgebet bis heute. Dann haben wir vor dem Schlafengehen drei Mal Niederwerfungen gemacht, sieben Mal ein Zufluchts-, kurz ein Bodhicittagebet gesprochen. Außerdem haben wir Guru-Yoga, Ganden Lhagya, und drei Mal Migtsema rezitiert und je sieben Mal die Mantren OM MANI PADME HUM, OM MUNI MUNI MAHA MUNIYE SOHA, OM AH RA PA TSA NA DHI, OM TSENDA MAHA RO KH ANA HUM PHÄH,. OM TARE TUTTARE TURE SOHA. OM AH HUNG Und dann nach der Widmung wurde geschlafen. Nach dem Gebet haben wir auch manchmal noch eine kurze Geschichte gelesen. Das war das Ritual. Da haben die Kinder überhaupt nicht rebelliert, das war selbstverständlich. Meine Tochter, die sehr spielerisch veranlagt war, wollte abends immer, dass ich mich auf den Boden lege, damit sie mir mit den Füßen den Rücken massieren konnte, und während sie mit den Füßen stampfte, sprach sie ihre Mantras, und danach machte sie auf mir Niederwerfungen. Mein Sohn konnte sogar das 21-Tara-Gebet auswendig, schon damals. Ich habe es geschafft, das nach und nach einzubauen. Aber als sie in die Grundschule kamen, wurde das immer weniger, immer problematischer. Jetzt ist es (auf null) zurückgegangen.
Beim Spazierengehen hat sich mein Sohn besonders interessiert für Höllenwesen, die kostbare menschliche Existenz, Karma, auch die Drei Juwel en . Manchmal musste ich stundenlang diskutieren und erklären. Solche Gelegenheiten hatten wir, sie mit dem Buddhismus etwas vertraut zu machen.
Es ist sehr wichtig, seine Jugend zu leben. Aber man sollte auch versuchen, die Erfahrung der jungen Menschen darüber zu vertiefen, wie die gesamte Lebenssituation ist und etwas stärker philosophische Betrachtungen pflegen. Die jungen Leute sollten nicht glauben, dass ihre Erfahrungen und Gedanken das Beste sind und dass es sonst nichts gibt in der Welt. Man sollte ihnen vermitteln, das es eine tiefere Bedeutung gibt: Der Sinn dieses Lebens kann es nicht sein, nur Geld zu verdienen. Das eigene Leben, sofern wir nicht an andere Menschen denken, kann man besser nutzen. Wo kann dieser Nutzen liegen, wo kann ich ihn finden? Die Beziehungen zu anderen Menschen im Geiste von Lojong (tibet: blo-sbyong, Geistestraining; Sammlung von Meditationsmethoden und Verhaltensratschlägen zur Übung von Bodhicitta, des Erleuchtungsgeistes, die auf At i sa (980-1054) und die alten Kadam-Meister zurückgehen; Anm. d. Red.) zu überdenken, das ist, glaube ich, sehr nützlich und gut. Damit sollte man versuchen, die Toleranz gegenüber anderen Menschen und anderen Erfahrungen zu integrieren. Die Vorstellung vieler Jugendlicher: „Was ich denke und gelernt habe, ist das Beste und die einzige Möglichkeit, ich schaffe alles“ eine solche Vorstellung blockiert, sie ist zu begrenzt und führt zu keiner Entwicklung. Es ist wichtig, einen offenen Geist zu entwickeln.